AIDA, 22.06.2014, Gärtnerplatztheater (im Prinzregententheater)

Mein Männergeschmack ist ja ziemlich Mainstream, da bin ich wenig originell. Im Theater ist es oft ähnlich: Insgesamt hat das Opernpublikum frei nach Oscar Wilde einen ganz einfachen Geschmack und ist generell mit dem Besten durchaus zufrieden. Besonders fällt das bei dieser AIDA auf. Obwohl die Premierenbesetzung und die Alternativbesetzung von der ganzen Art her sehr unterschiedlich sind und daher auch die Atmosphäre eine ganz andere ist, ist das Publikum von beiden Besetzungen begeistert, und das zu Recht. Mit dieser Produktion war bis jetzt noch nahezu jeder glücklich, auch wenn die optische Umsetzung polarisiert. Ich finde die Inszenierung großartig, andere Zuschauer hätten gerne mehr Plüsch. Nun ja, Opernliebhaber sind ein buntes Völkchen. Der Regisseur jedenfalls wollte keines dieser üblichen Bühnenbilder, wo ein Schwung beliebiger Gegenstände aus der Requisite vergoldet und auf die Bühne gestellt wird. Der Eindruck von Pomp und Prunk vermittelt sich durch die Massenszenen.

Die Soundbites in der Pause sind gerade im Prinzregententheater Kunst im öffentlichen Raum, eine Art Impro-Theater, für das man auch Eintritt verlangen könnte. Hier ein paar Fetzen aus dem vom Publikum produzierten Klangteppich: “Die Musik ist voll geil.” – “Das ist deine Elektrozigarette?” – “Das System ist halt null flexibel.” - “Wenn ich bedenke, wie der Licitra geschwitzt hat…” – “Ich find die Schauspielerin halt krass theatralisch.” – ??? – Bei diesem Satz musste ich mich dann doch mal umdrehen. Ausgesprochen hatte ihn eine junge Frau, die definitiv nicht Amneris hieß. Sie wirkte ein bisschen unschlüssig, ob ihr dieses Theatralische nun gefallen sollte oder nicht. Ich drehte mich wieder weg, um sie nicht vollzutexten: “Das muss so!! Erstens sind wir hier im Theater, da darf man theatralisch sein. Zweitens ist diese Schauspielerin eine Opernsängerin, und zwar eine richtig gute. Drittens ist das Verdi. Dieses krass Theatralische. Extreme Emotionen, immer in die Vollen. Pathos, Gefühlsbäder, riesige Fallhöhen. So einer würde heutzutage bei “Game of Thrones” mitarbeiten. Und, mal ganz unter uns: Dein Boyfriend ist cool. Taubenblaue Socken zu braunen Loafern, das traut sich nicht jeder. Den solltest du unbedingt behalten…”

Beide Besetzungen habe ich jetzt zwei Mal gehört, und ich kann immer noch nicht sagen, welche mir besser gefällt. Aber am Morgen nach dieser Vorstellung hatte ich beim Aufwachen die Stimme von Dubravka Musovic im Ohr, ihre Klageschreie, als sie versteht, dass ihr Liebster sterben wird. Das war unglaublich toll, absolut irre. So stelle ich mir die Schauspiel-Legende Sarah Bernhardt vor: Groß, dünn, blass, lange rote Haare und wahnsinnig intensiv. Diese Amneris ist fast so groß wie ihr Vater, der König (hier ein Sänger, der auch nicht gerade zu den Kleinen, Zierlichen zählt). In den ersten beiden Akten fand ich sie einfach nur sehr gut. Im vierten Akt aber erkennt Amneris, dass es um Leben und Tod geht, und da dreht sie richtig auf.

Was vorher geschah: Die gefangene äthiopische Prinzessin Aida liebt den Ägypter Radames. Der will unbedingt als oberster Feldherr Karriere machen, damit er dann als erfolgreicher Mann seine Aida heiraten kann. Das nächste Projekt in der Pipeline ist der Feldzug gegen die Äthiopier. Ja, ganz richtig: das Heimatland der Prinzessin. Die Situation ist absolut schizophren. In schönster aristotelischer Tradition hat Radames die beklopptestmögliche hochtragische Kombination gewählt: Die falsche Frau zur falschen Zeit am falschen Ort. Es sind sogar zwei falsche Frauen. Von der Königstochter Amneris will er zwar nichts, aber sie liebt ihn bis zum Wahnsinn, und noch dazu ist sie die Tochter vom Chef, äh, vom Pharao. Der Mann hat wirklich kein Glück, und später kommt auch noch Pech dazu: Radames ist aus Liebe zu Aida zum Hochverräter geworden, eher aus Versehen: Aida hat ihm eine hochgeheime Information entlockt, wozu sie von ihrem Vater quasi emotional erpresst wurde… der wiederum gar nicht anders handeln konnte, schließlich trägt er als äthiopischer König die Verantwortung für sein Land. Eine klassische griechische Tragödie hat der Regisseur da angelegt: Es gibt keine Hoffnung, von Anfang an steuert alles auf die Katastrophe zu.

Amneris beschwört Radames, er soll sich von ihr retten lassen. Anfangs stellt sie noch Bedingungen: Wenn sie ihn also rettet, darf er Aida nie wieder sehen. Dann fleht sie ihn nur noch an. Er will nicht. “Du hast mich ins Unglück gestürzt, du hast mir Aida weggenommen”, sagt er zu ihr. Amneris behält einigermaßen die Nerven, schließlich ist sie als Pharaonentochter erzogen worden. Sie singt um sein Leben. Da ist nicht jeder Ton schön, aber wahrhaftig. (Das entspricht ausdrücklich Verdis Intentionen: Giuseppe Verdi wusste sehr gut, dass eine Frau nicht mehr lieblich klingt, wenn ihr Geliebter eingemauert werden soll.) Wie eine Zauberin steht sie vor Radames und versucht mit aller Kraft, ihn zu überzeugen. Wie es wohl sein mag, von so einer Furie geliebt zu werden? Aber vielleicht wäre diese Königstochter als glücklich verliebte Frau so sanft und zärtlich wie eine Tigerin mit ihren Jungen. “Oh! Chi lo salva?”, singt sie dann, zum Steinerweichen, wer rettet ihn jetzt? Amneris erkennt, dass es keinen Zweck hat, die Priester kommen. Ramphis zerrt sie fort. Später wird sie an der Seite des Hohepriesters über das Land herrschen.

Wegen solcher Momente gehe ich in die Oper. Es ist ja nicht so, dass ich zuviel Zeit habe und mich nur deswegen so häufig im Theater aufhalte. Nein, ich habe meine Gründe. Opernliebhaber sind wie andere Liebende auch: Man schleicht um das Objekt der Begierde herum, immer wieder, und lauert auf den Moment, wo wie durch Zauberhand alle Teile an ihren Platz fallen und auf einmal alles passt. Solche Augenblicke fühlen sich an, als würde man fliegen. Manchmal dauert das nur ein paar Sekunden. Manchmal, wenn man Glück hat, eine ganze Vorstellung hindurch. Das Publikum war hingerissen.

Dubravka Mušović-Šeparović

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