Dvořák: "Rusalka" - Opernhaus Graz

Sonntag, 28. Februar 2010, 12:42


Dvořák: "Rusalka" - Opernhaus Graz, 25.02.2010 / Semperoper Dresden, 11. 12. 2010


Im Jahr 1973 kam der Film „The Exorcist“ in unsere Kinos. Auf dem Plakat zu diesem Film sieht man fast nur als Schattenriss eben den titelgebenden Exorzisten mit einer Aktentasche in der Hand unter einer Laterne stehen, wie er zu dem Haus hinschaut, in dem das Mädchen lebt, an dem der Exorzist seine Profession ausüben soll.

Ganz ähnlich sieht das Plakat und das Programmheft zu der Dvorak-Oper „Rusalka“ in Graz (und vor Jahresfrist in Brüssel) aus: ebenfalls als Schattenriss geht ein Mann eine ganz in blaues Licht getauchte Strasse hinunter. Man erkennt Lichter an den Häusern rechts, links steht ein altes Auto. Es scheint zu regnen, jedenfalls ist die Strasse so nass, dass es aussieht, als ob der Mann über eine Wasserfläche laufen würde.

Stefan Herheim, der Regisseur, hat eine Inszenierung von Dvoraks vorletzter Oper „Rusalka“ (Uraufführung: 31.03.1901 in Prag) erarbeitet, die allein schon von ihren Bildern her grosses Theater ist (Bühne: Heike Scheele, Kostüme: Gesine Völlm), die aber auch interpretatorisch exzellent gelungen ist. Wie so oft bei Herheim wird nicht nur eine Geschichte erzählt, es gibt viele, kleinere Geschichten, die sich um die Haupthandlung herumgruppieren und die das Zuschauen zu einem echten Abenteuer werden lassen.

Herheim erzählt „Rusalka“ als Beziehungsdrama, als die Geschichte eines Mannes und seines Verhältnisses zu Frauen in der Aufspaltung zwischen Hure, Hexe und Ehefrau, verkörpert im Ideal einer „Wasserfrau“, so wie er sich als „Wassermann“ versteht, der immer wieder auch gegen „Dämonen“ ankämpfen muss, die seinen Trieb zu beherrschen drohen.

Schon bevor die Musik einsetzt, herrscht auf der Bühne Betrieb. Man blickt auf eine absolut naturalistische Strassenszene. Links eine Eisdiele, um die Ecke daneben ein Abgang zu einer Metrostation, etwas weiter oben der Eingang zu einer Kirche, ein grosser Baum rechts, an der rechten Ecke ein Wohnhaus mit einem Ladengeschäft im Erdgeschoss, bei dem der Schaufensterrollladen geschlossen ist und auf diesem Rollladen hat ein Sprayer einen grossen, gefährlich aussehenden Fischkopf gesprüht.

Es regnet und die Menschen eilen über diese Strasse, viele wollen zur Metro, eine – vielleicht obdachlose – leicht punkige Frau versucht an der Metrostation Rosen zu verkaufen, ein Mädchen fragt nach dem Weg, ein Kind rutscht aus, im ersten Stock des Hauses ganz rechts schaut eine Frau auf dem Balkon immer wieder nach ihrem offensichtlich verspäteten Ehemann.

Diese Szene wiederholt sich immer wieder, es kommen die Strassengeräusche dazu, erst leise, dann immer lauter, bis ganz ruhig die ersten Takte der „Rusalka“ aus dem Orchestergraben erklingen.

Der verspätete Ehemann kommt endlich aus der Metrostation, aber er geht nicht gleich nach Hause, er trifft auf eine Prostituierte, mit der es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung kommt. Da die Ehefrau die Szene beobachtet hat, bleibt Ärger nicht aus.

Der Ehemann ist der „Wassermann“ und er begegnet uns im Stück in dreifacher Form (immer erkennbar am unnatürlich blauschimmernden Haar): als kleiner Junge in der Eisdiele, als „Prinz“ (hier: ein Matrose, der zur „MS Rusalka“ – so steht es auf seiner Mütze – gehört) und eben als der Ehe-/Wassermann.

Die Strasse entpuppt sich schnell als magischer Ort, wo eine Laterne genauso, wie eine Litfasssäule herauf- oder herunterfahren kann, wo sich Häuser verändern oder öffnen können und wo sich die grosse Rosette der Kirche wie das Glücksrad der Fortuna drehen kann.

Die Eisdiele fährt herein (nachts heisst sie in der magischen Zeit „Lunaric“, tagsüber in der Realität „Solaric“), der kleine Junge sitzt verschüchtert auf einem der Barhocker, drei lockere Mädchen machen sich über den Jungen lustig, während der „Wassermann“ seiner Jugendverkörperung beizustehen versucht.

Plötzlich fährt der Rollladen am Geschäft rechts herauf und das bis dato unbelebt wirkende Geschäft entpuppt sich als „Sextoy“-Laden, in dem drei Gummipuppen wild zu tanzen beginnen.

Die Punkerin ist die Hexe Jezibaba, die Prostituierte ist Rusalka, man ahnt hier schon, dass die Ehefrau, die zwischenzeitlich ihren Mann drastisch vor die Tür gesetzt hat, die „fremde Fürstin“ sein wird.

Die Litfassäule ist ein Wunderwerk der Bühnentechnik: ihre Werbefläche (die auch schon mal das Plakat zur "Rusalka" zeigt) kann sich blitzschnell in eine Wassersäule verwandeln. Auf dieser Litfassäule sitzend wird Rusalka ihre berühmte Arie an den Mond singen. Nur das es nicht der Mond ist, der ihr Licht spendet: die SAT-Schüsseln der Häuser wenden sich Rusalka zu und ihre Spiegel reflektieren das Licht.

Der „Sextoy“-Laden hat sich verwandelt, er bietet nun Hochzeitskleidung an und in der Szene, wo Jezibaba den Zaubertrank kocht, findet ein Hexensabbath statt. Zuerst tragen die Frauen Hochzeitskleider, die sie aber schnell abwerfen. Darunter erkennt man Hexen mit überdimensionierten Brüsten und Schenkeln, die den „Wassermann“ sexuell bedrängen.

Diese Hexen werden im Laufe des Abends immer wieder auftauchen, schon auch mal unter den Gewändern von frommen Nonnen, die mit ihrem Pfarrer aus der Kirche kommen.

Drei Matrosen vergnügen sich mit den Mädchen in der Eisdiele, ein Althippie stellt seine Marihuana-Pflanzen auf einen Balkon und zieht, ein Lied singend (es ist der „Jäger“) eine Tüte durch, der Matrose (der „Prinz“) trifft auf sein alter Ego, den „Wassermann“, der Hippie hisst an seinem Balkon ein Banner mit dem „Peace“-Zeichen.

Im zweiten Akt (es ist Tag) ist aus dem Laden rechts eine Metzgerei geworden, die Metro-Station ist verschwunden, an deren Stelle steht der schicke Blumenladen „Jezibaba“ und auch die Eisdiele sieht nicht so unheimlich aus, wie des Nächtens.

Der Prinz, im gleichen Pyjama, wie der „Wassermann“ liegt mit der „fremden Fürstin“, also der Gattin, in einem Bett und immer stärker verschränkt Herheim die verschiedenen Figuren miteinander, macht sie ähnlicher, überblendet sie und bereitet so das Ende des Stückes vor.

Bevor es soweit ist, gibt es ein buntes Maskenfest. Der „Wassermann“ wird mit langer Perücke, Krone und Dreizack ausgestattet, Menschen, die als Fisch verkleidet sind führen einen Maskenzug an, Prinz und Fürstin verfolgen aus der Loge rechts am Bühnenrand das Geschehen, in das auch das Publikum einbezogen wird: der Maskenzug positioniert sich im Zuschauerraum, der „Wassermann“ singt von dort seine Warnungen.

In einem silbernen Paillettenkleid, auf einer Mondsichel stehend, ein kleines, rotes Herz in der Hand schwebt Rusalka, wie eine Marienverkörperung, vom Bühnenboden herunter. Die „fremde Fürstin“ wird dieses rote Herz später auf den Bühnenboden donnern.

Im dritten Akt fokussiert sich alles auf die Eskalation des Konfliktes. Die drei Frauen Jezibaba, Rusalka und fremde Fürstin sehen nun gleich aus, genauso, wie Prinz und „Wassermann“, die Bewegungen verlaufen immer wieder parallel, Tötung und Selbsttötung werden albtraumhaft repetiert.

Nur einmal blitzt die Magie noch auf: wenn die drei Mädchen scheinbar durchs Wasser schweben, wie die „Rheintöchter“ bei Wagner – die wohl Vorbild für die drei Waldnymphen bei Dvorak gewesen sind).

Am Ende klappt die Hauswand vor dem Zimmer des Ehepaars hoch und die Zuschauer werden Zeuge des Mordes des Ehemannes an seiner Frau.

In der Wassersäule im Bühnenvordergrund verblutet freischwebend Rusalka im weissen Nachthemd.

Das letzte Bild zeigt wieder die Strassenszene des Beginns. Absperrbänder vor dem Haus rechts hält Schaulustige ab, sie Spurensicherung hat die Mordwaffe gefunden, der Täter wird von der Polizei abgeführt. Die Prostituierte wirft einen Blick auf das Opfer, bevor sie sich den nächsten Kunden schnappt.

Musikalisch betreut der Dirigent Marius Burkert diesen Abend, nicht alles gelingt reibungslos, der Klang könnte transparenter ausfallen, vieles gerät etwas massiv, dennoch: schön, Dvoraks „Rusalka“ wieder einmal live hören zu können.

Gal James war die Titelrolleninterpretin: ein runder, klangschöner und strahlkräftiger Sopran bei nicht immer sicherer Intonation.

Bemerkenswert die gertenschlanke Mezzosopranistin Dubravka Musovic: nach schwachem Beginn (eher harte Tongebung, künstliches Nachdunkeln in der Tiefe) steigerte sich die Sängerin enorm und zeigte bis in die Höhe hinein eine durchschlagskräftige, sicher geführte Stimme.

Auch der Bass Gustáv Belácek als Wassermann brauchte etwas Anlaufzeit, bis er zu seiner Tagesform fand, sängerisch gab es kleine Schwächen, die nicht überbewertet werden sollen.

Mit jungenhaftem Charme und etwas gleichförmigen Tenor stattete Maxim Aksenov den Prinzen aus, bei einigen Spitzentönen setzte der Sänger auf Kraft, konnte damit aber nicht überdecken, dass seiner Stimme da Grenzen gesetzt sind.

Schwach Lisa Livingston als fremde Fürstin.

Darstellerisch waren alle Sängerinnen und Sänger ausgezeichnet und trugen das Regie-Konzept perfekt mit.

Der Applaus setzte etwas zögernd ein, fiel dann aber insgesamt herzlich aus. Auch an diesem Abend waren sehr viele junge Menschen im Theater, wenn das in Graz der Standard ist, muss einem um die Zukunft dieses Opernhauses nicht bange sein.
Ist das Kunst - oder kann das weg? 

Dubravka Mušović-Šeparović

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